Dorothea de Talleyrand-Périgord

(1793-1862)

Dorothea von Sagan, Foto: Gerard Francois

1793 kam in der herzoglichen Familie von Peter und Anna Biron ein Mädchen mit rabenschwarzem Haar zur Welt – Dorothea. Mit Sicherheit vermutete niemand, dass die jüngste der vier Töchter eine der einflussreichsten Frauen des 19. Jh. und eine Perle auf europäischen Salons wird. Ihre Eltern, Herzöge von Kurland und Semgallen, die sehr eng mit dem Hof von Stanislaus August Poniatowski verbunden waren, verkauften ihre Besitztümer in Livland und erwarben das Herzogtum Sagan. Nach den Teilungen Polens wurde der Saganer Hof Zufluchtsort für königliche Musiker, Bildhauer und Schauspieler. In dieser künstlerischen Atmosphäre wuchs Dorothea auf. Ihre Kindheit verbrachte sie allerdings größtenteils in Berlin, wo die Söhne des Königs Friedrich Wilhelm III. zu ihren Spielkammeraden gehörten. Den größten Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit von Dorothea hatte zweifelsohne ihr Erzieher und Lehrer Scipione Piatolli. Er war Mitverfasser der Verfassung vom 3. Mai und Bibliothekar des letzten polnischen Königs. Als Weltbürger hatte er Sentiment für das polnische Land. Er impfte der jungen Frau gründliche Kenntnisse der europäischen Kultur und Geschichte ein. Im jungen Herzen der Frau förderte er auch die Liebe zu Adam Czartoryski, den er als zukünftigen Ehemann von Dorothea sah. Ihre Mutter einigte sich jedoch mit Maurice de Talleyrand-Périgord, dass Dorothea seinen Neffen Edmond heiratet. Einen bedeutenden Einfluss auf die Heirat hatte auch das persönliche Engagement des Zaren Alexander I. Der Mutter gehorchend heiratete Dorothea im Alter von 16 und reiste nach Frankreich aus.

Die Ehe erwies sich als unglücklich. Dorothea, die Hofdame der Kaiserin Marie-Louise, war intelligent, ehrgeizig und gründlich ausgebildet. Sie erfreute sich der Anerkennung ihres Milieus, er dagegen war Offizier der napoleonischen Armee, der sich unbekümmert den Annehmlichkeiten des Lebens widmete. Das stürmische Schicksal dieser Beziehung, der ständige Abschied und die ständige Wiederkehr endeten schließlich mit der Trennung. Die Begabung, Freunde zu gewinnen, die unabhängige Denkweise und die außergewöhnliche Schönheit waren Attribute, die der Onkel Edmunds, Minister Maurice Talleyrand schnell wahrnahm. Er führte Dorothea auf europäische Salons ein, wo sie schnell Hochachtung und Respekt gewann. Dorothea wurde bald die engste Freundin und Vertraute des Ministers Talleyrand. Sie nahm aktiv am Wiener Kongress teil, danach war sie an der Seite Maurices und verwaltete einige Jahre später die französische Botschaft in London. Sie kannte wohl alle berühmten Persönlichkeiten der damaligen Zeit: Napoleon Bonaparte und Wellington, Metternich und Palmerson, Alexander I. und Friedrich Wilhelma IV., Louis- Philippe I. und C. Cavour.

Dorothea interessierte sich nicht nur für Politik. Ihre geerbte Vorliebe für Kunst und Kultur führte zu Freundschaften mit vielen Schriftstellern, Komponisten und Malern (R. Wagner, Delacroix, V. Hugo, H. Balzac, C. Rauch). Sie konnte mit jedem von ihnen eine gemeinsame Sprache finden. Niemand konnte ihrem persönlichem Charme widerstehen. 1817 erlangte sie den Titel der Herzogin von Dino.

Nach dem Tod von Maurice Talleyrand wurde Dorothea dessen Universalerbin, reiste aus Frankreich aus und ließ sich in einem kleinen Barockschloss in Günthersdorf (Zatonie) bei Grünberg (Zielona Góra) nieder. Dieses war ein Teil ihrer Aussteuer. Wälder, Wiesen und die frei an ihren Beinen herumlaufenden Hühner müssen für sie ganz anders als der Schlosstrubel, mit dem sie 30 Jahre lang untrennbar verbunden war, gewesen sein.

Die Herzogin krempelte nun ihr ganzes Leben um und organisierte es aufs Neue. Sie besuchte die umliegenden Pfarreien und Schulen und nahm sich des Schicksals der einheimischen Bevölkerung an. 1844 erhielt sie vom preußischen König das Lehenpatent für ihren Familiensitz in Sagan und wurde damit Herzogin von Sagan.

Das Herzogtum erlebte in den zwei Jahrzehnten der Herrschaft von Dorothea eine Blütezeit. Die breit angelegten Umbauarbeiten in Günthersdorf und Sagan wurden von großen wohltätigen Maßnahmen begleitet. Die Herzogin beschäftigte die ärmsten Einwohner beim Bau von Entwässerungsgräben und Hochwasserdeichen, bot ihnen medizinische Versorgung an und ließ schließlich ein Krankenhaus in Sagan errichten.

Sie stiftete Armenhäuser, Schulen und Stipendien für begabte Bauernkinder. Bewusst unternahm sie auch Maßnahmen mit ökumenischem Charakter. In den erbauten Schulen ließ sie Katholiken und Protestanten unterrichten. Im Krankenhaus ließ sie eine Kapelle für alle Bekenntnisse errichten. In Schlesien, wo sich verschiedene Kulturen, Religionen und Nationen trafen, konnte sie ihren Untertanen mit ihrer Tätigkeit die gegenseitige Achtung beibringen. Deshalb ist es kein Wunder, dass ihre Besitztümer vom in ganz Europa anwesenden revolutionären Geschehen von 1848 verschont blieben. Niemand wagte es, die auf diese Art und Weise regierende Herzogin anzugreifen. Wahrscheinlich schätzte sie auch diese Dankbarkeit der einfachen Menschen mehr als die Atmosphäre der Salons mit all den Flirts und Kabalen, an die sie in der Mehrheit ihres Lebens gewöhnt war. Zwar verband die Herzogin ihr Leben nun mit diesem kleinen Flecken am Rande Europas, aber Europa vergas sie nicht. Nach Günthersdorf und Sagan kamen immer wieder ihre Freunde: der preußische König Friedrich Wilhelm IV., Franz Liszt, Graf F. Lichnowski, Alexander von Humboldt oder Erzbischof Dippenbrock.

Als sie nach einer schweren Krankheit infolge eines Kutschenunfalls auf dem Weg von Günthersdorf nach Sagan am 19. September 1862 starb, folgten ihrem Sarg zusammen mit den Herzögen einfache Einwohner von Sagan und Bauern aus den weit entfernten Dörfern des Herzogtums. Zehntausende Trauernde nahmen Abschied von ihrer geliebten Herzogin und begleiteten sie bis zum Tor der Kirche vom Hl. Kreuz, deren Ruine sie einige Jahre zuvor wiederaufbauen ließ.

Text: Jarosław Skorulski
Übersetzung: Jerzy Bielerzewski